Erinnerung an die erste urkundliche Erwähnung Gebesees vor 1150 Jahren
Viele Orte und Städte begehen im Jahr 2026 ihre 1150‑jährige Ersterwähnung. Doch was geschah eigentlich vor 1150 Jahren, im Jahr 876?
Damals eskalierte der Streit um den Zehnten, die regelmäßige Pflichtabgabe eines Zehntels des landwirtschaftlichen Ertrags.
Diese Abgabe entschied im Mittelalter über Abhängigkeit und Wohlstand: Wer den Zehnten erhielt, gewann Einfluss, Macht und wirtschaftliche Stärke – ein Prinzip, das sich im Kern bis heute kaum verändert hat.
>>Der Zehntestreit von 876
Zwischen den beiden Reichsklöstern Fulda und Hersfeld entbrannte ein Konflikt darüber, welche Dörfer ihre Abgaben an welches Kloster zu entrichten hatten. König Ludwig der Deutsche entschied diesen Streit am 18. Mai 876 in der Pfalz Ingelheim.
Erzbischof Luitbert von Mainz (genannt Lulli, † 889) vertrat dabei die Interessen des Mainzer Kirchenbereichs.
>> Die beiden großen Verzeichnisse von 876
Im Hessischen Staatsarchiv Marburg sind zwei bedeutende Urkundenkomplexe überliefert:
>> Die Hersfelder Liste
- enthält ca. 150 Orte
- zusätzlich 32 kleinere Siedlungen
- darunter: Gebesee, Gotha, Eisenach, Mühlhausen
- Die Gebeseer können stolz sein, der Ort steht bedeutungsvoll an erster Stelle.
- Grundlage: Bestätigung der Hersfelder Besitzungen durch den König
>>Die Fuldaer Liste
- umfasst 37 Orte
- darunter: Großfahner, Kleinfahner, Döllstädt, Dachwig, Andisleben, Sömmerda, Vargula, Haßleben
Daher feiern manche Orte ihr Jubiläum nach der Fuldaer, andere – wie Gebesee – nach der Hersfelder Liste.
>>Gebesee – mit Sicherheit wesentlich älter?
Der Heimatforscher Prof. Joachim Kuhles weist auf eine weitere Quelle hin: das Breviarium Lulli, ein Güterverzeichnis, das 775 auf dem Reichstag von Soissons der Abtei Hersfeld unter Abt Lullus (Lul) zugeordnet wurde.
Kuhles argumentiert:
- Das Verzeichnis wurde nach der Schenkung kaum noch verändert.
- Daher könnte Gebesee bereits 775 darin gestanden haben.
- Ein sicherer Beweis fehlt – aber die Indizien sind stark.
Damit ergeben sich zwei mögliche Jubiläumsjahre:
- 2030 → 1255 Jahre (Basisjahr 775)
- 2031 → 1155 Jahre (Basisjahr 876)
Im Allgemeinen wird in 25‑Jahres‑Schritten gefeiert – aber beide Daten sind historisch vertretbar.
Gebesee heute – und die Frage der Tradition
Die historischen Daten sind nun an der Litfaßsäule in Gebesee nachzulesen. Sie erinnern daran, dass unsere Stadtväter vielleicht wieder einmal ein großes Stadtfest ins Auge fassen sollten – gern auch gemeinsam mit den Gemeinden der Gera-Aue, wenn sie das mögen.
Aber: Walschleben und Ringleben sind urkundlich rund 250 Jahre jünger. Ringleben erscheint erstmals um 1140–1150 in Verzeichnissen des Erzbistums Mainz bzw. des Archidiakonats Erfurt.
>>Und das Stadtrecht?
Der Zeitraum regt zu Diskussionen an. Nach dem Wiener Kongress 1814/15 kam Gebesee zur Provinz Preußen. Im Amtsblatt der Königlich‑Preußischen Regierung Erfurt von 1816 wird Gebesee erstmals urkundlich als Stadt bezeichnet – also seit 210 Jahren. Vordem galt es als Flecken mit Marktrechten.
Eine ausführliche Darstellung findet man bei Prof. Joachim Kuhles, Sömmerdaer Heimatheft, S. 11.
Recherchiert von Albrecht Fischer, Gebeseer‑Kulturgut e. V.
Bild: Das Güterverzeichnis der Reichsabtei Hersfeld aus dem Jahre 876
Quelle: Wikipedia: Breviarium sancti Lulli

